Barrierefreiheit · Prüfpunkt
Warum muss eine Website beim Ansteuern per Tastatur ruhig bleiben?
Eine Website muss beim Ansteuern per Tastatur ruhig bleiben, weil das Ansteuern nur ein Markieren ist — noch keine Entscheidung. Wer mit der Tabulatortaste von Element zu Element springt, schaut sich um, wie ein Kunde, der im Geschäft die Regale entlanggeht. Öffnet sich dabei ungefragt eine neue Seite oder ein Fenster, verliert der Besucher die Orientierung. Das WCAG-Kriterium 3.2.1 verbietet solche Überraschungen.
Ansteuern und Auslösen sind zwei getrennte Schritte
Bei der Tastaturbedienung wandert eine sichtbare Markierung — der Fokus — mit jedem Druck auf die Tabulatortaste zum nächsten Bedienelement. Erst die Eingabetaste löst das markierte Element aus. Diese Trennung ist für viele Menschen überlebenswichtig für die Orientierung: Blinde Besucher lassen sich jedes markierte Element erst vorlesen, bevor sie sich entscheiden. Menschen mit Zittern steuern Elemente manchmal versehentlich an. Springt die Seite schon beim Markieren um — etwa weil ein Menüpunkt sofort beim Erreichen die Unterseite lädt —, kommen diese Besucher nie an ihm vorbei, ohne die Seite zu wechseln. Sie stecken fest wie in einer Drehtür, die sich bei jeder Berührung dreht.
So misst der Prüfservice das Verhalten bei Fokus
Der Prüfservice bedient Ihre Seite in einem echten Browser: Er drückt die Tabulatortaste, Halt für Halt, und protokolliert jede Station der Fokus-Wanderung. Ändert sich während dieser Wanderung die Adresse der Seite — ohne dass eine Eingabetaste gedrückt wurde —, hat das bloße Ansteuern einen Seitenwechsel ausgelöst. Das wertet der Bericht als Verstoß und benennt die Adresse, auf der die Messung landete. Durchläuft die Wanderung mindestens drei Halte ohne einen solchen Wechsel, gilt das Kriterium als bestanden. Bietet die Seite weniger als drei ansteuerbare Halte, bleibt die Messung bewusst unentschieden und der Bericht weist das Kriterium als manuellen Prüfpunkt aus.
So gehen Sie es an
- Drücken Sie auf Ihrer Startseite mehrfach die Tabulatortaste und beobachten Sie, ob die Seite dabei still an Ort und Stelle bleibt.
- Prüfen Sie besonders Aufklappmenüs und Sprachumschalter — dort wird das Auslösen beim Ansteuern am häufigsten eingebaut.
- Bitten Sie Ihre Agentur, jede Aktion an einen echten Bedienschritt zu binden: Eingabetaste, Leertaste oder Klick, nie an das bloße Markieren.
- Testen Sie nach jedem Einbau eines neuen Menü- oder Suchbausteins erneut mit der Tabulatortaste.
Häufige Fragen
Was bedeutet Fokus bei einer Website?
Der Fokus ist die Markierung, die zeigt, welches Bedienelement gerade angesteuert ist — erkennbar meist an einem Rahmen. Mit der Tabulatortaste wandert der Fokus von Element zu Element, mit der Eingabetaste wird das markierte Element ausgelöst. Vorleseprogramme lesen genau das fokussierte Element vor. Ansteuern und Auslösen sind dabei zwei getrennte Schritte.
Was ist ein Kontextwechsel im Sinne der WCAG?
Ein Kontextwechsel ist eine große, überraschende Veränderung der Umgebung: Eine neue Seite lädt, ein neues Fenster öffnet sich oder der Fokus springt an eine völlig andere Stelle. Das WCAG-Kriterium 3.2.1 verlangt, dass das bloße Ansteuern eines Elements keinen solchen Wechsel auslöst. Erst eine bewusste Handlung wie die Eingabetaste darf die Umgebung ändern.
Wie teste ich, ob meine Website beim Ansteuern ruhig bleibt?
Öffnen Sie Ihre Startseite und drücken Sie wiederholt die Tabulatortaste, ohne weitere Tasten zu berühren. Die Markierung sollte durch Menü, Links und Formularfelder wandern, während die Seite unverändert stehen bleibt. Lädt zwischendurch eine neue Seite oder öffnet sich ein Fenster, obwohl Sie nichts bestätigt haben, liegt ein Verstoß gegen das Kriterium 3.2.1 vor.
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