Ratgeber · 5. August 2026
WCAG 2.2 verstanden: Was neu ist und was das für Ihre Website heißt
Die WCAG 2.2 bringt neue Erfolgskriterien für Fokus, Bedienflächen und Anmeldung — und streicht ein altes. Der Überblick für Website-Verantwortliche ohne Fachchinesisch.
Die Kurzfassung
Die WCAG (Web Content Accessibility Guidelines) sind der internationale Maßstab für barrierefreie Websites — auch die europäische Norm EN 301 549, auf die BFSG und BaFG praktisch hinauslaufen, verweist auf sie. Version 2.2 ist seit Oktober 2023 die aktuelle Empfehlung. Für die Stufen A und AA — den üblichen Pflicht-Umfang — ergeben sich 55 Erfolgskriterien: die bestehenden aus 2.1, sechs neue, und eines (4.1.1 „Parsing") wurde ersatzlos gestrichen, weil moderne Browser das Problem selbst lösen.
Die sechs neuen A/AA-Kriterien — und was sie praktisch heißen
2.4.11 · Stufe AA
Fokus nicht verdeckt (Minimum)
Das per Tastatur fokussierte Element darf nicht komplett hinter Sticky-Headern, Cookie-Bannern oder Overlays verschwinden.
2.5.7 · Stufe AA
Ziehbewegungen
Alles, was per Ziehen bedient wird (Slider, Sortieren, Karten), braucht eine Alternative mit einfachen Klicks/Taps.
2.5.8 · Stufe AA
Zielgröße (Minimum)
Bedienflächen müssen mindestens 24×24 CSS-Pixel groß sein oder genügend Abstand haben — winzige Icon-Buttons fallen durch.
3.2.6 · Stufe A
Konsistente Hilfe
Hilfsangebote (Kontakt, Chat, Telefonnummer) müssen über die Website hinweg an konsistenter Stelle stehen.
3.3.7 · Stufe A
Redundante Eingabe
Bereits eingegebene Informationen dürfen im selben Vorgang nicht erneut abgefragt werden — vorbefüllen oder auswählbar machen.
3.3.8 · Stufe AA
Barrierefreie Authentifizierung (Minimum)
Login ohne kognitive Hürden: kein Abtippen von Rätseln, keine Merkleistung als einziger Weg — Passwort-Manager und Einfügen müssen funktionieren.
Auffällig: Die Neuerungen zielen weniger auf Screenreader-Technik als auf Bedienbarkeit unter realen Bedingungen — Tastatur, Touch, kognitive Belastung. Genau dort scheitern in der Praxis auch Websites, die „technisch sauber" gebaut sind.
Was das für bestehende Websites bedeutet
- Wer nach 2.1 AA gebaut hat, ist nicht automatisch 2.2-konform: Sticky-Header, Drag-Interfaces, kleine Bedienflächen und Login-Strecken gehören auf den Prüfstand.
- Wer neu baut, sollte direkt gegen 2.2 arbeiten — der Mehraufwand gegenüber 2.1 ist gering, die Kriterien sind konkret und testbar.
- Overlays und „Ein-Klick-Barrierefreiheit" erfüllen keines dieser Kriterien stellvertretend — sie ändern die zugrunde liegende Seite nicht.
Messbar — bis zu der Stelle, an der ein Mensch urteilt
Ein Teil der 55 Kriterien lässt sich maschinell eindeutig messen (Kontraste, fehlende Alternativtexte, Sprachauszeichnung). Ein erheblicher Teil aber verlangt Urteil: Gibt der Alternativtext den Bildinhalt sinnvoll wieder? Ist die Hilfe konsistent platziert? Deshalb kombiniert unsere Barrierefreiheits-Prüfung Messung und menschliche Urteile — und weist beides getrennt aus. Warum das kein Detail ist, zeigt der Beitrag „Warum ein Test ohne Befund kein Nachweis ist".